Was ist eigentlich Auferstehung?
Die heutigen Lesungstexte scheinen bei oberflächlicher Betrachtung darzulegen, was mit Auferstehung gemeint ist und dass schon vor Jesus Lazarus auferstanden sei. Dabei ist es keineswegs so, dass schon von Anfang an der Glaube an die Auferstehung zum jüdischen Glaubensgut gehört hätte. Das Alte Testament kennt hingegen verschiedene Vorstellung eines „Lebens nach dem Tod“ – als neues, ewiges Leben prägt es sich erst zu hellenistischer Zeit heraus. Erst nach dem babylonischen Exil, etwa in Ps 49 und Ps 73 wird die Frage nach dem Leiden und der Gerechtigkeit Gottes gestellt: Kann es auch jenseits des irdischen Todes Hoffnung auf Gemeinschaft mit Gott geben? Die erste Lesung des heutigen Sonntags entstammt dem Buch Ezechiel (Ez 37) und beschreibt Auferstehung als ein Wiederaufleben des Volkes: Gottes Atem wird die Gebeine des Volkes Israel lebendig machen, damit wird das Volk wiederhergestellt. Das Buch steht zeitlich im Zusammenhang mit dem babylonischen Exil: Der Prophet Ezechiel sieht in einer Vision Knochen von toten Menschen übers Feld herumliegen. Diese Knochen vergleicht er mit seinem Volk, das nach der Botschaft über den Untergang ihrer Heimatstadt Jerusalem im Exil in Babylon deprimiert ist. Fern von der Heimat verliert das Gottesvolk sämtliche Hoffnung, es resigniert und ist wie tot. Die Gebeine bedeuten also so etwas wie die untergegangene Hoffnung fern von der Heimat.
Insofern beschreibt Ezechiel nicht eine Auferstehung der Toten, sondern es geht in erster Linie um das Wiederaufleben des Volkes Gottes. Das Alte Testament bietet aber auch andere Vorstellungen einer Rückkehr in das (irdische) Leben, wie es etwa in den Königsbüchern von den Propheten Elia und Elischa berichtet wird. Doch auch dieses Leben ist weiterhin endlich – genauso ist es auch mit Lazarus, um dessen Auferweckung es im heutigen Evangeliumstext (Joh 11) geht. Seine Auferstehung ist damit nicht mit der Auferstehung Jesu gleichzusetzen, sondern ist erst einmal eines der sieben Zeichen Jesu im Johannesevangelium, die seine göttliche Vollmacht präsent machen. Jesus bringt in der Perikope aber auch sein Auferstehungsverständnis im Gespräch mit Marta ein: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Dieses Zeichen Jesu mutet ein wenig paradox an: Einerseits wird Lazarus in sein irdisches Leben zurückgerufen, andererseits wird in der Schlussszene des Textes auch deutlich, dass mit Jesus die Totenerweckung der Endzeit begonnen hat. Der Evangelist steigert diese Spannung auch darin, dass er diese Erzählung direkt vor den Tötungsbeschluss des Hohen Rates stellt und damit eng mit dem Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu verknüpft. Dieses Zeichen ist das siebte und letzte Zeichen Jesu und damit der Höhepunkt in dieser Reihe.
Letztlich ist das Auferstehungsereignis Jesu, das wir Ostern feiern, das erste wirkliche Durchbrechen der Grenzen der irdischen Endlichkeit. Jesus ist es, der zum Urheber des neuen Lebens wird. Das Osterereignis wird damit zu einer notwendigen Bedingung für den christlichen Glauben. Allen Auferstehungsvorstellungen und Erzählungen – ob bei Ezechiel, über Lazarus oder eben dem Osterereignis – ist, trotz der beschriebenen Unterschiedlichkeit, aber gemein, dass sie sich entgegen den allgemeinen Erwartungen verhalten: Im babylonischen Exil gibt es keine Hoffnung auf Rückkehr und Zukunft, und trotzdem ist da ein Prophet, der die Hoffnung hochhält. Später bestätigt sich diese Hoffnung, denn das Exil geht tatsächlich zu Ende. Als Lazarus stirbt, ist es für die meisten Beteiligten wohl klar, dass es keine Hoffnung gibt, schließlich ist der Tod ja gerade ein Tod, weil er endgültig ist. Und nur wenige trauen Jesus zu, dass er tatsächlich Leben schenken kann. Und schließlich ist auch das Osterereignis geprägt davon, dass selbst die engsten Jünger nicht so recht hoffen können, dass Jesu Ankündigungen sich bewahrheiten werden. Erst, als er mit ihnen das Brot bricht, wird er erkannt, so schildert es die Emmaus-Erzählung. Beide Texte und das Osterereignis sind damit Hoffnungstexte, dass es neues Leben auch dort geben kann, wo es nicht vermutet wird, und dass Hoffnung ja gerade dann Hoffnung ist, wenn man ihre Erfüllung wirklich nicht sehen kann.
Eine endgültige Antwort, was Auferstehung ist, liefern die Texte nicht. Aber jeder macht auf seine Weise klar, dass sie mit einer Hoffnung gegen alle Hoffnungslosigkeit zu tun hat. Und genau das wünsche ich auch Ihnen in Ihrem Lebensalltag, auch da hoffen zu können, wo es aussichtslos scheint.
– Ihr Jonas Borgwardt