Ein Perserkönig als Messias?
Wer sich die erste Lesung des Tages (Jes 45, 1.4-6) genau anschaut, stolpert vielleicht genau über diese Aussage: „So spricht der Herr zu seinem Gesalbten, zu Kyrus“ (Jes 45, 1). Kyrus II. war von 559 bis 530 v. Chr. Perserkönig und führte Persien nach den Siegen über die Meder (550) und Babylon (539/38) zur Weltmacht: Sein Reich ging von der heutigen Türkei bis nach Indien. Doch warum wird ausgerechnet ein Perserkönig, also jemand, der gar nicht zum Volk Israel gehört, hier als Gesalbter (hebr. Messias) bezeichnet?
Jerusalem und das Königreich Juda waren 597 v. Chr. vom babylonischen König Nebukadnezar II. eingenommen und ein wesentlicher Teil der Bevölkerung, vor allem die Oberschicht, nach Babylon ausgewiesen worden. Dort lebte nun also das jüdische Volk im Exil und erwartete die Befreiung. Kyrus wurde als Befreier herbeigesehnt und die Hoffnung auf ihn und auf die Befreiung des Gottesvolkes wurde in Gottes Heilswillen fundiert. Den in ihn gesetzten Erwartungen wurde Kyrus nach seiner Eroberung Babylons teilweise gerecht, zumindest vertrat er eine tolerante Religionspolitik, die im „Kyrus-Edikt“ in Esra 1, Esra 6 und 2 Chr 36 dokumentiert ist: Die Juden konnten heimkehren und die Tempelschätze wurden zurückgegeben. Ab 517 wurde dann auch der Jerusalemer Tempel wieder aufgebaut.
Die jüdischen Zuschreibungen über die Rolle des Kyrus, die v.a. in Jes 40-48 zu finden sind, sind ein interessantes Beispiel dafür, dass sich die Geschichte Gottes mit seinem Volk auch in eher profanen Geschichtsabläufen zeigt. Ist es nicht ungewöhnlich, dass gerade ein Nicht-Jude als befreiende Kraft herbeigesehnt wird? Die Ausführungen beim Propheten Jesaja machen deutlich, dass Gottes Heilswirken auch außerhalb des eigenen Volkes zu finden ist und dass letztlich das Verhältnis von Gott zu seinem Volk auch abhängig ist vom Gesamtgeschehen in der Welt. Befreiung ist damit kein innerliches Geschehen und auch nichts, das nur von innen heraus geschehen kann, sondern es braucht das Wirken anderer, die scheinbar nichts mit dem eigenen Volk zu tun haben.
Vielleicht ist die Rolle des Perserkönigs ein hilfreicher Impuls in unserer globalisierten Welt:
Erstens: Es nützt nichts, nur auf sich selbst zu schauen. Glaube ist kein innerkirchliches Geschehen, sondern der Blick auf die Welt – aus dem Glauben heraus – öffnet uns erst die Möglichkeit, das Handeln Gottes in unserer Zeit wahrzunehmen. Mit Melchisedek, Bileam und Kyrus begegnen uns in der biblischen Tradition drei Nichtjuden, die in enger Verbindung zu Gott dargestellt werden.
Zweitens: Befreiung muss auch intersektional gedacht werden. Sie ist kein innerliches Geschehen, sondern hat Konsequenzen für viele, die unter verschiedenen Unterdrückungsstrukturen leiden. Die ersehnte Herrschaft des Kyrus in Babylon hat Folgen für alle unterdrückten Religionen, es ist ein kollektives Befreiungsgeschehen. Gott befreit sein Volk immer wieder, so lesen wir im Alten Testament, aus der Unterdrückung. Es geht dabei zuvorderst um eine kollektive Perspektive, die uns auch heute inspirieren kann, nicht nur auf individuelle Befreiung zu schauen, sondern gemeinsam mit anderen die Hoffnung auf Befreiung wach zu halten und Solidarität zu leben.
Und drittens passt auch das Wort aus Mk 9, 40: Wer nicht gegen uns ist, ist für uns. Die Israeliten setzen ihre Hoffnung auf jemanden, der nicht gegen sie ist. Kyrus macht sie später nicht zu einem führenden Volk in Babylon, er schließt sich ihnen auch nicht an – und doch hat das Volk Gottes etwas von seiner Herrschaft. Das kann auch ein Impuls für kirchliches Handeln heute sein, im interreligiösen Dialog oder auch mit nicht-religiösen Menschen: Gibt es eine gemeinsame Hoffnung, die wir teilen? Wer kann unser Partner sein, damit wir unseren Glauben freier leben können? Auf wen können wir unsere Hoffnung in unserer Zeit setzen – auch politisch? Konfessionszugehörigkeit kann dabei nicht das Totschlagkriterium sein, wenn schon mit Kyrus ein Nichtjude als Gesalbter Gottes bezeichnet wird.
Gott hilft seinem Volk – manchmal auch im Kontakt mit denen, die nicht zur Glaubensgemeinschaft gehören. Die Bibel ist voll von Erzählungen, die dies bezeugen – und selbst im ersten Hochgebet begegnet uns der Hohepriester Melchisedek, der in Gen 14 als König von Salem vorgestellt wird. Ist das nicht ein Auftrag an uns, über den Tellerrand zu schauen und nach Gottes Wirken auch außerhalb unserer Kirchenmauern zu schauen?
– Ihr Jonas Borgwardt