Impuls zum 14. Sonntag im Jahreskreis

„Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es
den Unmündigen offenbart hast.“
Jesus ist bekannt dafür, immer wieder in seinen Worten gängige Denkmuster auf den Kopf zu stellen: Er preist die
Armen selig und verspricht ihnen das Himmelreich (Mt 5); er stellt ein Kind in die Mitte und mahnt, man müsse
werden wie die Kinder (Mt 18); und im Tagesevangelium dieses Sonntags (Mt 11) dankt er Gott dafür, dass die
Offenbarung nicht etwa an die Weisen und Klugen ergangen ist, sondern an die Unmündigen. Gott hat gewisser-
maßen die Kriterien für den Empfang der Offenbarung umgekehrt und vielleicht klingen diese Sätze auch für un-
sere Ohren ungewöhnlich, schwer verständlich und fragen uns womöglich sogar an: Ist es nicht gut, sich zu bil-
den und klug zu werden – auch in der Auseinandersetzung mit Glauben?
In der Geschichte Israels fällt bereits auf, dass Gott immer wieder eine allzu menschliche Logik durchbricht – mit
Israel erwählt er ein besonders kleines Volk (Dtn 7), er hat keinen Gefallen am Starken und Kräftigen, sondern an
denen, die Gott fürchten (Ps 147), lässt David den Riesen Goliath besiegen (1 Sam 17), beruft den jungen und
ungebildeten Jeremia zum Propheten (Jer 1) – es ist also nur folgerichtig, dass Jesus hier, aber auch schon an
vorhergehenden Stellen darauf hinweist, dass Gott sich gerade nicht den Wohlhabenden, Herrschenden und
Mächtigen zuwendet. In alttestamentlicher Tradition ist Weise, wer seine eigene Schwachheit und Endlichkeit
anerkennt und aufrichtig nach Gott sucht – mit den „Weisen und Klugen“ ist hier wohl also eher gemeint, wer
einer Weisheit folgt, die Gott ausschließt – die „Unmündigen“ sind diejenigen, die sich Jesus öffnen und ihn an-
erkennen.
Weise wird insofern, wer anerkennt, dass er klein und schwach ist und in dieser Einsicht bereit ist, sich von Gott
beschenken zu lassen. Das passt auch zum „Wohlgefallen in Dir“ in Vers 26: Dem Menschen geht es nur dann
wirklich gut, wenn er anerkennt, dass er Geschöpf Gottes ist und das ganze eigene Wesen auf Gott verweist –
eine Art Gegenerzählung zu Gen 3, wo es Adam und Eva eben darum geht, sich vom Schöpfer abzuwenden und
damit aus dem guten Leben des Paradieses vertrieben werden. Das gute Leben, so könnte man sagen, besteht
also darin, dass Gott darin zur Geltung kommt und wir Menschen uns nicht selbst größer machen, als wir sind.
Es ist auch eine tröstliche Botschaft: Wir können unser Heil nicht machen, sondern wir dürfen uns in unseren
Unvollkommenheiten an Gott richten – wie es im weiteren Verlauf heißt: Ich will euch erquicken, ihr werdet Ruhe
finden für eure Seele. Eine Einladung, sich selbst hin und wieder Ruhe verschaffen zu lassen und das Leben auf
den auszurichten, der es führt. Inmitten einer immer schneller werdenden Welt, größerer Hektik und Ungeduld
ist das vielleicht auch ein hilfreicher Rat für unsere Zeit: Nehmt euch Zeit für Ruhe – lasst euch Ruhe geben.
Ein wenig Ruhe – vielleicht und gerade in der Ferienzeit – wünscht Ihnen – Ihr Jonas Borgwardt

 

 

powered by webEdition CMS