Geistlicher Impuls zum 29. Sonntag im Jahreskreis

Mein Knecht, der gerechte,
macht die vielen gerecht;
er lädt ihre Schuld auf sich (Jes 15: 11).

Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke,
oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde (Mk 10: 38).

In diesen Textstellen, wie die oben erwähnten Stelle beim Propheten Jesaja, haben die ersten Christen wohl eine Vorahnung des Lebens und Sterbens Jesu gesehen. Und daraus haben Sie den Schluss gezogen, nachdem sie das Schicksal Jesu miterlebt hatten, dass Jesu Leiden und Tod den Menschen die Erlösung gebracht haben. Sein Leiden und Tod waren nämlich der „Kelch", den er getrunken hat und die „Taufe", mit der getauft wurde.

Heute aber scheint diese Sicht der Dinge nicht so hoch im Kurs zu stehen. Denn manche Leute haben nun ganz ehrliche und erhebliche Schwierigkeiten damit, den Tod Christi als Opfertod zu verstehen, der uns Menschen erlöst.

Heutzutage spricht man vielleicht gar nicht so gerne vom Tode, und ganz gewiss nicht gerne vom Tode als Opfer oder vom stellvertretenden Leiden Christi, das er zugunsten der Menschheit auf sich freiwillig aufgenommen hat, und zwar „als Lösegeld für viele", wie es im Evangelium heißt (Mk 10:45).

Das klingt alles viel zu grausam, zu blutig und auch zu ungerecht. Christus stellt man sich eher als netten Freund, als Prediger der Schönheit der Welt, als liebevollen Lebensberater oder als tapferen Kämpfer etwa für die Gerechtigkeit vor.

Das ist alles nun schön und gut und wertvoll. In der heiligen Messe aber, in der wir das Opfer Christi feiern, bekommen wir doch auch andere Töne zu hören. Bei der Wandlung sagt der Priester im Namen Christi: „Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird . . ." Und dann weiter: „Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden."

Hier muss man aber ganz vorsichtig sein. Denn das Leiden und das Getötetwerden sind an und für sich keine christlichen Werte. Jesus war doch kein Masochist. Wenn Leiden und Tod nicht um des Himmelreiches willen getragen und ausgehalten werden, dann sind sie eben keine echten christlichen Werte.

Der Wert, der erlösende Wert des Leidens und des Getötetwerdens Christi liegt einfach und ausschließlich darin, dass Christus zugleich Mensch und Gott war und ist, und für uns das Himmelreich verkörpert und offenbart.

Wenn Gott, dem Elend und der Traurigkeit der Weltgeschichte zum Trotz, es für die Mühe wert gehalten hat, Mensch zu werden und als Mensch zu leben, zu leiden und getötet zu werden, und immer noch als Gottmensch aus dem Grabe aufzuerstehen, so bedeutet das, dass das Lamm Gottes eben stärker als die Sünde und die Traurigkeit der Welt ist, und uns Menschen trotz allen Hindernissen jetzt schon, aber auch für alle Ewigkeit, zum Vater hinführen kann und will.

Die heilige Scholastika soll einmal gesagt haben: „Wer traurig ist und bleibt, der glaubt nicht wirklich an die Auferstehung." Das heißt, die Auferstehung Christi ist nicht nur an und für sich ein großes Wunder, sondern die tiefere Bedeutung der Auferstehung liegt eben darin, dass Christus nach seiner Kreuzigung und seinem Tode auferstanden ist und damit die ganze Traurigkeit der Welt für sich selbst und auch für uns alle endgültig überwunden hat.

Ihr Father Martin Henry

 

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